Flexibel in eine sichere Zukunft


Biogas Branche stellt sich neuen Herausforderungen – renergie Allgäu e.V. bietet Lösungen und Strategien.

Kempten (rena). „Flexibilität“ war das Schlagwort der „Biogas-Infotage kompakt“: Nachhaltig, bedarfsorientiert und klug gesteuert – so funktioniert nicht nur die Energieerzeugung aus Biogas. So flexibel reagiert die Branche auch auf die neuesten und sehr kurzfristig bekannt gewordenen Neuerungen im EEG 2021. Und so anpassungsfähig zeigte sich auch der Veranstalter renergie Allgäu, als er die renommierte Fachmesse kurzerhand in eine Corona-Kompatible digitale Vortragsreihe mit Online-Firmen-Präsentationen umwandelte, der im Sommer ein Fachkongress mit Messe folgen wird.

„Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel richtig setzen.“ Mit dieser Weisheit des griechischen Philosophen Aristoteles eröffnete renergie Geschäftsführer Florian Weh die zweitägige Bildschirm-Konferenz und versprach den über 100 Teilnehmern „Orientierungshilfe auf ihrem Weg durch Flauten und Stürme in den Biogas-Gewässern“. Vor allem das zu Jahresbeginn in Kraft getretene EEG 2021 mit seiner Vielzahl an Neuerungen sorgt bei den Anlagenbetreibern derzeit für viele Unsicherheiten. Allen voran durch die Streichung des Flex-Zuschlags für Betriebe die bereits Flexibilitätsprämie erhalten hatten, die laut Weh den Vertrauensschutz verletze. „Das können wir nicht hinnehmen, die Verrechnung der Flex-Prämie mit dem Flex-Zuschlag muss wieder weg!“, kündigte er die Einflussnahme des Vereins auf die Politik an.

Der Regensburger Fachanwalt Dr. Helmut Loibl konzentrierte sich in seiner Zusammenfassung vor allem auf die positiven Signale des umfassenden Gesetzestextes, ließ dabei die Schwachstellen aber nicht unerwähnt. So gibt es künftig zwei Ausschreibungstermine für Biogasanlagen, wobei der 1. September mitten in der Erntezeit liegt und damit landwirtschaftlich betrachtet nicht sehr vernünftig gewählt sei. Gleichzeitig wies Loibl auf „höchst befremdliche“ Änderungen bei der Zuschlagsvergabe hin, die im Jahr 2021 immer 20 Prozent der Anlagen unberücksichtigt lässt.

Auch das neue zulässige Höchstgebot von 18,40 ct/kWh habe einen „verfassungsrechtlich fragwürdigen“ Pferdefuß, weil der Flex-Zuschlag nur noch an jene Betreiber geht, die noch niemals Flex-Prämie beantragt hatten. Unabhängig davon, ob, in welcher Höhe und wie lange die Prämie überhaupt ausgezahlt wurde. Damit profitieren also nur Anlagen, die bisher keine Flex-Prämie geltend gemacht haben, von dem erhöhten Flex-Zuschlag.

Gegen diese Regelung will das Regensburger Anwaltsbüro Verfassungsbeschwerde einreichen und erwägt dazu die Gründung einer Interessengemeinschaft, die die Finanzierung für ein Musterverfahren übernehmen könnte. Interessierte Anlagenbetreiber können sich unter sr@renergie-allgaeu.de melden, um sich der Sammelaktion von renergie zur Unterstützung des Vorhabens von Loibl anzuschließen.

Alexander Lehr, Biogasfachberater beim Verein renergie Allgäu, sieht im neuen Gesetz zwar durchaus Weichen für den Weiterbetrieb von Biomasse-Bestandsanlagen gestellt, vermisst aber ein klares politische Bekenntnis für die Biogastechnologie und den Anreiz zur weiteren Flexibilisierung. Vor allem komplexe Genehmigungsverfahren und der Netzanschluss erwiesen sich immer wieder als problematisch, berichtete der Fachmann aus seiner Beratungspraxis. Neben den Anforderungen der DÜV und der 44. BImSch spielen auch die Sicherheits-Richtlinien der TRAS 120 eine wichtige Rolle für den erfolgreichen Weiterbetrieb der Anlagen, verwies Alexander Lehr auf die umfassenden Beratungsangebote von renergie Allgäu.

Dazu gehört unter anderem auch die Beratung über Förderprogramme für Energieeffizienzmaßnahmen bei Biogasanlagen. Renergie-Fachberaterin Isabel Hartmann stellte in dem Zusammenhang das BAFA Förderprogramm „Energieberatung Mittelstand“ vor, bei dem Einsparpotentiale und konkrete Maßnahmen zur Effizienzsteigerung erarbeitet werden. Und das Modul 4 aus dem BAFA Förderprogramm „Energieeffizienz in der Wirtschaft“, in dem unter dem Stichwort „Energiebezogene Optimierung von Anlagen und Prozessen“ zum Beispiel der Rührwerksaustausch, eine neue Einbringtechnik oder Doppelmembran-Folienhauben bezuschusst werden. Die Fachleute von renergie Allgäu übernehmen für Interessenten die Komplettabwicklung der BAFA-Anträge inklusive des Energiekonzeptes, das dafür im Vorfeld verpflichtend vorgeschrieben ist.

Eine weitere Strategie, um Anlagen flexibel und nachhaltig für die Zukunft fit zu machen, stellte renergie-Berater Thomas Hartmann vor: Die Nutzung der Biogaswärme in eigenen Wärmenetzen. Auch dafür gibt es kfw-Förderprogramme und BAFA-Zuschüsse. Die zusätzlichen Wärmeerlöse tragen außerdem zur Wirtschaftlichkeit bei und können den Bestand der Anlage übers EEG hinaus sichern. Und auch die Kunden profitieren von der Erneuerbaren Wärme: Kein Platzverlust mehr im Keller durch große Heizanlagen, keine Wartungsaufgaben mehr, keine Abhängigkeiten mehr von fossilen Energieträgern – und das Ganze auch noch zu durchaus interessanten Preisen. „Ganz abgesehen von den ökologischen Vorteilen“, wie der Vorsitzende von renergie Allgäu betonte.

Einen ganz neuen Weg der Stromvermarktung zeichnete Geschäftsführer Florian Weh in seinem Vortrag: Er hat den cells energy-Marktplatz entwickelt, eine digitale Plattform für die Bürgerenergiewende. Unter https://marktplatz.cells.energy/ können sich Erzeuger von 100 Prozent Erneuerbarem Strom ihren eigenen regionalen Kundenkreis aufbauen und sich eine Perspektive für die Zeit nach der EEG-Vergütung schaffen. Und der Verbraucher hat die Chance, sich hier ganz bewusst und eigenverantwortlich seine persönlichen Stromerzeuger auszusuchen. In den ersten zwei Geschäftsjahren hat diese kleine Tochtergesellschaft von renergie Allgäu bereits knapp 600 Kunden, 120 Anlagen und Stromkunden mit rund 8 GWh Verbrauch gewinnen können sowie Kooperationsverträge mit fünf Direktvermarktern und Partnerschaften mit vier weiteren Energieversorgern.

Um innovative Ideen und technische Neuerungen ging und geht es auch in den Firmenporträts, die über die beiden Biogas-Infotage hinaus auf der Homepage des Veranstalters zu sehen sind. 30 Unternehmen präsentieren unter www.renergie-allgaeu.de in jeweils zwei bis drei Minuten langen Filmen ihre neuesten Angebote und jüngsten Entwicklungen. Einige von ihnen stellten ihre Produkte auch innerhalb der Vortragsreihen vor: Maximilian Geisberger von der gleichnamigen Gesellschaft für Energieoptimierung warb mit viel Leidenschaft und Überzeugung für das Biogas-BHKW als Notstromaggregat in Kaltdunkelflauten. Klaus Ascher, Inhaber des Westerheimer Agrartechnikunternehmens, erklärte die vielfältigen ökologischen Vorteile der zwar nicht neuen, aber dennoch zukunftsweisenden Gülleverschlauchung.  Johanna Merkenschlager von der fränkischen Enerpipe GmbH präsentierte einen Kompaktspeicher für Wärme und Brauchwasser. Und Clemens Maier von der Biogastechnik Süd GmbH definierte den Begriff der „regenerativen Landschaft“, in der die Mineraldüngerproduktion als dritte Komponente neben der Erzeugung von Strom und Wärme eine große Rolle im ökologischen und ökonomischen Kreislauf spielt.

Das gesamte Programm der zweitägigen Onlineveranstaltung wurde aufgezeichnet und steht ab sofort zur „Nachlese“ in Video- und pdf-Format zur Verfügung. Interessenten können sich über www.renergie-allgaeu.de oder info@allgaeu-renergie.de ein kostenpflichtiges Passwort besorgen und die Veranstaltung in aller Ruhe nachvollziehen. Dieses Nachlese-Ticket gilt dann zeitgleich auch als Eintrittskarte zu den Biogas Infotagen live, die am 7. und 8. Juli 2021 in der Messe Ulm stattfinden.